Wer übernimmt das Ruder? Warum die Vorsorgevollmacht (fast) das wichtigste Dokument im Leben ist
9 Min. Lesezeit · Jonas Winterfeld
Der Kapitän ist nicht mehr am Steuer. Das Schiff bewegt sich. Und die entscheidende Frage lautet nicht, ob jemand das Ruder übernimmt, sondern wer. Maria und Paul haben diese Frage rechtzeitig beantwortet. In Pauls alter Aktentasche liegen die Dokumente, die Arthur die Möglichkeit geben, für seine Eltern einzustehen und in ihrem Sinn zu handeln. Eine Vorsorgevollmacht bestimmt, wer das Steuer übernimmt, wenn man selbst nicht mehr dazu in der Lage ist. Wer das nicht rechtzeitig regelt, überlässt die Richtung dem Zufall – oder den Falschen.
Das Ruder liegt bereit. Die Frage ist nur: Wer darf es übernehmen?
Arthur findet sie in Pauls alter Aktentasche, die er nach einem Streit mit Benjamin nach Berlin mitgenommen hatte: Vorsorgevollmachten für seine Eltern, ausgestellt auf ihn und seinen Bruder. Rechtlich bindend und unantastbar.
In diesem Moment ändert sich alles. Die Vorsorgevollmacht gibt Arthur die Möglichkeit, für seine Eltern zu sprechen – vor Gericht, vor Behörden und vor allem gegen Benjamins Widerstand. Paul ist längst dement, kann sich nicht mehr wehren, kann nicht mehr rechtsverbindlich für sich sprechen. Der Käptn ist von der Brücke gegangen, aber seine Stimme ist noch da. Sie steckt in diesem Stück Papier.
Paul und Maria hatten keine Ahnung, wie wichtig dieses Dokument einmal sein würde. Sie hatten es ausgefüllt, weil das allgemein so empfohlen wird, aber abgesehen davon waren sie sicher, dass ihre Söhne Arthur und Benjamin stets in ihrem Sinne handeln würden. Doch dann wurde Paul dement und Benjamin buchte unter einem Vorwand zunächst eine Kurzzeitpflege für Paul, die dann schnell zur Dauerpflege wurde. Dabei hatte Paul immer gesagt: „Lieber tot als ins Pflegeheim.“ Es war also eine medizinisch nicht begründete Entscheidung gegen Pauls erklärten Willen.
Mir der gültigen Vorsorgevollmacht konnte Arthur den Schritt ins Pflegeheim rückgängig machen. Denn Teil der Vorsorgevollmacht war auch das Aufenthaltsbestimmungsrecht, also das Recht darüber zu entscheiden, wo die Eltern leben. Benjamin rief zwar das Betreuungsgericht an, um die erneute Unterbringung im Pflegeheim zu erzwingen, aber er scheiterte.
Was eine Vorsorgevollmacht ist und warum sie so mächtig ist
Eine Vorsorgevollmacht ist eine schriftliche Erklärung, mit der eine Person einer oder mehreren Vertrauenspersonen das Recht gibt, in ihrem Namen zu handeln, wenn sie selbst dazu nicht mehr in der Lage ist. Nach einem schweren Unfall, bei fortgeschrittener Demenz, nach einem Schlaganfall oder im Sterbeprozess.
Was diese bevollmächtigte Person dann darf, ist weitreichend. Sie kann Arztgespräche führen und medizinischen Entscheidungen zustimmen oder widersprechen. Sie kann Bankgeschäfte erledigen, Rechnungen bezahlen, Verträge abschließen. Sie kann entscheiden, ob ein Pflegeheim infrage kommt oder ob die Pflege zu Hause organisiert wird. Sie kann – wenn die Vollmacht das ausdrücklich vorsieht – auch Grundstücke und Immobilien verwalten oder verkaufen.
Das Entscheidende: Die Vorsorgevollmacht wirkt sofort und ohne Gericht.
Keine Wartezeit, kein Verfahren, kein fremder Betreuer. Wer eine gültige Vollmacht hat, kann in dem Moment handeln, in dem es nötig ist. Genau das ist der Unterschied zu allem anderen.
Die Wahl der Person ist alles
Eine Vorsorgevollmacht ist nur so gut wie die Person, der man sie gibt. Diese Entscheidung ist die wichtigste, die mit dem Dokument zusammenhängt. Wichtiger als die Formulierungen, wichtiger als der Notar, wichtiger als die Aufbewahrung.
Die bevollmächtigte Person übernimmt die Steuerung eines Lebens, wenn der eigentliche Steuermann nicht mehr am Ruder sitzt. Sie muss die Werte des Vollmachtgebers kennen. Sie muss im Zweifel das Wohl des Vollmachtgebers über das eigene Interesse stellen. Und sie muss in der Lage sein, in schwierigen Situationen klar zu denken und zu handeln, auch wenn andere Familienmitglieder Druck machen.
Die Vollmacht ist also nicht nur ein Dokument. Sie ist ein Vertrauensbeweis. Und wer dieses Vertrauen erhält, trägt eine große Verantwortung.
Benjamin hatte ebenfalls eine Vorsorgevollmacht von seinen Eltern erhalten. Er hat sie in einem Wutanfall widerrufen, als ihm die Dinge nicht mehr passten. Mit diesem Widerruf hatte er sich selbst aus dem Spiel genommen. Arthur, der gar nichts von den erteilten Vorsorgevollmachten gewusst hatte und sie dann in Pauls Aktentasche fand, schloss sie sicherheitshalber in einem Bankschließfach ein und arbeitete ausschließlich mit einer notariell beglaubigten Kopie.
Die sichere Verwahrung bei einer Bank hatte einen einfachen Grund: Paul und Maria hatten festgelegt, dass die Vorsorgevollmacht nur gültig ist, wenn sie im Original vorgelegt wird. So war er der einzige, der für seine Eltern handeln konnte.
Was in einer Vorsorgevollmacht stehen sollte
Eine Vorsorgevollmacht kann grundsätzlich handschriftlich und ohne Notar erstellt werden. Für die meisten Alltagssituationen reicht das aus.
Inhaltlich sollte eine gute Vorsorgevollmacht folgende Bereiche abdecken:
- Gesundheitsangelegenheiten: die Einwilligung oder Ablehnung medizinischer Behandlungen.
- Vermögensverwaltung: Bankgeschäfte, Immobilien, Verträge.
- Behörden- und Rechtsangelegenheiten: Anträge stellen, Widersprüche einlegen, Klagen führen.
- Bestimmung des Aufenthaltsorts, also die Entscheidung darüber, ob häusliche Pflege oder eine stationäre Einrichtung in Frage kommt.
Je konkreter die Vollmacht formuliert ist, desto schwieriger ist es, sie anzufechten oder zu ignorieren. Vage Formulierungen lassen Interpretationsspielraum und Interpretationsspielraum wird in Familienkonflikten fast immer genutzt.
Das Zentrale Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer stellt kostenlose Formulare zur Verfügung – abrufbar unter vorsorgeregister.de/formulare. Ergänzend lohnt sich ein Gespräch mit einem Notar oder Anwalt, der die individuelle Situation kennt und auf mögliche Lücken hinweisen kann.Wo die Vollmacht aufbewahrt wird und wer sie kennen muss
Das beste Dokument nützt nichts, wenn es im Ernstfall nicht gefunden wird. Arthur findet Pauls Vollmacht in einer alten Aktentasche, glücklicherweise rechtzeitig. Aber es hätte auch anders ausgehen können.
Die Vollmacht sollte an einem Ort aufbewahrt werden, der für die bevollmächtigte Person zugänglich ist. Nicht in einem verschlossenen Safe und auch nicht in einem Bankschließfach ohne Zugang für andere. Sinnvoll ist es, eine Kopie beim Hausarzt zu hinterlegen, eine weitere bei der bevollmächtigten Person selbst, und das Original an einem vereinbarten, zugänglichen Ort zu Hause.
Wer möchte, kann die Vollmacht beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer gegen eine geringe Gebühr registrieren lassen. Gerichte und Behörden greifen im Betreuungsfall auf dieses Register zurück. So wird sichergestellt, dass das Dokument im Ernstfall schnell gefunden wird.
Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Patientenverfügung: drei Dokumente, die zusammengehören
Die Vorsorgevollmacht ist das wichtigste, aber nicht das einzige Dokument, das Menschen im Alter schützt. Zwei weitere gehören dazu.
Die Betreuungsverfügung greift, wenn keine Vorsorgevollmacht existiert und das Betreuungsgericht einen Betreuer bestellen muss. Mit ihr kann man dem Gericht mitteilen, wen man sich als Betreuer wünscht und wen ausdrücklich nicht. Das Gericht ist nicht verpflichtet, diesen Wunsch zu befolgen, muss ihn aber berücksichtigen. Sie ist die schwächere, aber immer noch sinnvolle Alternative zur Vollmacht.
Die Patientenverfügung regelt eine andere Frage: nicht wer entscheidet, sondern was medizinisch entschieden werden soll. Welche Behandlungen werden gewünscht, welche abgelehnt, z. B. Beatmung, Wiederbelebung, künstliche Ernährung. Sie gilt unabhängig von der Vollmacht und sollte als Ergänzung immer dabei sein.
Wer alle drei Dokumente hat, ist so gut geschützt, wie es das deutsche Rechtssystem ermöglicht. Wer keines hat, überlässt die wichtigsten Entscheidungen seines Lebens dem Zufall – oder den Falschen.
Der richtige Zeitpunkt für die Vorsorgevollmacht ist jetzt
Paul und Maria haben ihre Vollmachten rechtzeitig ausgefüllt. Nicht weil sie schwere Zeiten aufkommen sahen, sondern weil sie in einem ruhigen Moment ihres Lebens die richtigen Schlüsse gezogen hatten.
Dieses Vertrauen hat Arthur die Möglichkeit gegeben, für seinen Vater zu kämpfen. Es hat Paul ermöglicht, in seinem eigenen Haus zu sterben. So, wie er es immer gewollt hatte. Und es hat einer Familie, die in vielem zerbrochen war, wenigstens dieses eine gegeben: die Gewissheit, dass der Wille der Eltern am Ende galt.
Eine Vorsorgevollmacht ist kein Dokument für den Tod. Sie ist ein Dokument für das Leben. Für die Momente, in denen das Leben Entscheidungen verlangt, die man selbst nicht mehr treffen kann. Sie ist das Mikrofon, das auch dann noch sendet, wenn die eigene Stimme verstummt ist.
Das Buch zum Thema
Ein letztes Zuhause
Die Inhalte dieses Artikels basieren auf dem Buch "Ein letztes Zuhause" von Jonas Winterfeld — ein Wegweiser durch das deutsche Pflegesystem, erzählt an der Geschichte von Paul und Maria Hoffmann und ihren Söhnen Arthur und Benjamin.
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