Pflegewissen

Pflegehilfsmittel: Was die Pflegekasse kostenlos liefert – und kaum jemand kennt

7 Min. Lesezeit · Jonas Winterfeld

Die Lösung findet Arthur bei Amazon. Eine simple Funk-Klingel, 115 Dezibel laut, befestigt am Galgen von Pauls Pflegebett. Wenn Paul nachts Hilfe braucht, kräht ein Hahn – und Arthur ist wach. Keine teure Spezialausrüstung, keine lange Beantragung. Manchmal sind es die einfachen Dinge, die den Unterschied machen. Aber es gibt auch Hilfsmittel, die die Pflegekasse vollständig übernimmt – vom Pflegebett bis zum Rollstuhl, von Inkontinenzmaterial bis zum Notrufknopf. Was zusteht und wie man es bekommt, wissen die wenigsten.

Ein Pflegebett mit Seitengittern steht in einem warm beleuchteten Schlafzimmer. Über dem Kopfkissenbereich hängt ein echter Bettgalgen – eine L-förmige Metallkonstruktion mit einem Dreiecksgriff, an dem ein Funk-Klingelknopf befestigt ist. Links daneben ein Nachttisch mit einer Nachttischlampe und an der Wand ein Funk-Empfänger. Kein Mensch ist zu sehen. Was Arthur bei Amazon fand, veränderte die Nächte für ihn und Paul

Arthur sitzt nachts allein mit seinem Vater im Haus. Paul schläft im Erdgeschoss, Arthur eine Etage höher. Das Problem: Pauls Stimme ist nicht mehr die Stimme eines Mannes in seinen besten Jahren. Manchmal ist es kaum mehr als ein Wimmern. Arthur schläft fest. Zu fest.

Die Funk-Klingel, eigentlich für Eingangstüren konzipiert, hat einen kleinen Sender und zwei Empfänger für die Steckdosen im Erd- und Obergeschoss. Den Klingelknopf befestigt Arthur am Galgen von Pauls Pflegebett. Wenn Paul Hilfe braucht, drückt er – und 115 Dezibel später ist Arthur wach.

Es ist eine pragmatische, selbst organisierte Lösung. Aber sie zeigt etwas Wichtiges: Im Pflegealltag zählen oft nicht die großen Systeme, sondern die kleinen Helfer, die das Leben sicherer und einfacher machen. Und viele davon – deutlich mehr als die meisten ahnen – zahlt die Pflegekasse.

Pflegehilfsmittel zum Verbrauch – 40 Euro im Monat, kostenlos geliefert

Die erste Kategorie sind Pflegehilfsmittel zum Verbrauch. Das sind Produkte, die im Pflegealltag regelmäßig gebraucht werden und nach einmaliger Nutzung verbraucht sind. Die Pflegekasse übernimmt dafür eine monatliche Pauschale von bis zu 40 Euro – für jeden Pflegebedürftigen ab Pflegegrad 1.

Was darunter fällt: Vorlagen und Inkontinenzmaterial in verschiedenen Größen und Formen, Einmalhandschuhe für die hygienische Pflege, Desinfektionsmittel für Hände und Oberflächen, Bettschutzeinlagen zum Schutz der Matratze sowie Schutzschürzen und Mundschutz.

Im Buch ist es Britta von Sonjas Pflegedienst, die Paul und Maria das Thema Vorlagen näherbringt – sachlich, ohne Umwege, mit der richtigen Portion Humor. Paul zögert zunächst. Maria ist überrascht, wie selbstverständlich Britta das Thema anspricht. Und am Ende sind beide erleichtert – weil die nächtlichen Unterbrechungen weniger werden und der Alltag ein Stück ruhiger wird.

Kein Aufwand, keine Vorleistung

Das Verbrauchsmaterial muss nicht selbst in der Apotheke besorgt werden. Viele Anbieter liefern es direkt nach Hause – im Abonnement, automatisch, jeden Monat. Die Abrechnung läuft direkt mit der Pflegekasse. Anbieter wie pflegebox.de oder hysana.de sowie viele Sanitätshäuser und Apotheken bieten diesen Service an. Bei zwei Pflegebedürftigen im Haushalt verdoppelt sich das Budget auf 80 Euro im Monat – knapp 1.000 Euro im Jahr, vollständig von der Pflegekasse getragen.

Technische Hilfsmittel – geliehen oder mit geringem Eigenanteil

Die zweite Kategorie sind technische Hilfsmittel. Das sind Geräte und Ausstattungen, die die Sicherheit erhöhen, die Mobilität verbessern oder die Pflege erleichtern. Sie werden in der Regel leihweise zur Verfügung gestellt oder mit einem Eigenanteil von maximal 25 Euro bereitgestellt.

Was die Pflegekasse hier übernimmt, ist umfangreicher als die meisten erwarten: elektrisch verstellbare Pflegebetten, Matratzen mit Dekubitusprophylaxe zum Schutz vor Druckstellen, Rollstühle – auch elektrische – für die Mobilität im Haus und außerhalb, Toilettensitzerhöhungen, Duschhocker, Aufrichthilfen für das Aufstehen aus dem Bett oder einem Sessel sowie digitale Assistenzsysteme wie Notrufknöpfe, Bewegungssensoren oder Sturzmelder.

Arthur organisiert für seinen Vater ein Pflegebett mit elektrischer Höhenverstellung – unverzichtbar für Britta und die anderen Pflegekräfte von Sonjas Team, die Paul morgens und abends versorgen. Das Bett erleichtert nicht nur die Pflege, sondern gibt Paul selbst mehr Kontrolle: Er kann die Rückenlehne verstellen, die Höhe anpassen, sich leichter aufrichten.

Für technische Hilfsmittel ist in der Regel ein Rezept oder eine Verordnung vom Arzt notwendig. Diese wird bei der Pflegekasse eingereicht, die das Hilfsmittel dann über einen zugelassenen Anbieter organisiert.

Wie man Pflegehilfsmittel beantragt

Der Prozess ist einfacher als viele befürchten. Für Verbrauchsmaterial genügt ein Formular bei der Pflegekasse – viele Anbieter übernehmen diese Beantragung direkt und kümmern sich um die gesamte Abwicklung. Ein Anruf, ein ausgefülltes Formular, und das Material kommt nach Hause.

Für technische Hilfsmittel braucht es eine ärztliche Verordnung. Der Hausarzt stellt sie aus, wenn der Bedarf medizinisch begründet ist – was bei einem anerkannten Pflegegrad fast immer der Fall ist. Das Rezept geht an die Pflegekasse, die das Hilfsmittel über einen zugelassenen Anbieter bereitstellt.

Wer unsicher ist, welche Hilfsmittel zustehen, kann sich direkt bei der Pflegekasse beraten lassen. Auch Pflegestützpunkte und Sozialverbände wie der VdK helfen bei der Auswahl und Beantragung.

Kleine Helfer, große Wirkung

Arthur hat die Funk-Klingel selbst gekauft. Sie hat keine 30 Euro gekostet und hat die Nächte für beide – für ihn und für Paul – grundlegend verändert. Es ist kein Hilfsmittel, das die Pflegekasse bezahlt. Aber es zeigt, wie viel ein einziger praktischer Gedanke bewirken kann.

Die Hilfsmittel, die die Pflegekasse übernimmt, sind oft größer und teurer – Pflegebett, Rollstuhl, Notrufknopf. Aber das Prinzip ist dasselbe: Es geht darum, den Alltag sicherer, einfacher und würdevoller zu machen. Für Paul, für Maria – und für alle, die sie begleiten.

Wer pflegt, sollte wissen, was zusteht. Denn vieles, was den Pflegealltag erleichtern würde, existiert bereits – man muss es nur beantragen.

Das Buch zum Thema

Buchcover: Ein letztes Zuhause von Jonas Winterfeld

Ein letztes Zuhause

Die Inhalte dieses Artikels basieren auf dem Buch "Ein letztes Zuhause" von Jonas Winterfeld — ein Wegweiser durch das deutsche Pflegesystem, erzählt an der Geschichte von Paul und Maria Hoffmann und ihren Söhnen Arthur und Benjamin.

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