Die richtige Pflegekraft finden
8 Min. Lesezeit · Jonas Winterfeld
Arthur hatte den Lebenslauf vor sich auf dem Tisch. Foto, Name, Altersangabe, Berufserfahrung. Darunter, in ordentlichen Aufzählungspunkten: „Erfahrung mit dementen Patienten", „gute Deutschkenntnisse", „kocht gerne". Er las es zweimal. Dann legte er das Blatt beiseite und fragte sich, wie er aus einem Stück Papier einen Menschen einschätzen sollte, der in den nächsten Wochen der wichtigste Mensch im Leben seiner Eltern sein würde.
Fünf Namen. Fünf Menschen, die bereit sind, in ein fremdes Zuhause zu kommen – und zu bleiben
Die Antwort lautet: gar nicht. Ein Lebenslauf zeigt, was jemand über sich schreiben lässt. Ein Telefonat zeigt, wer jemand ist.
Warum die Suche so schwer ist
Eine 24-Stunden-Pflegekraft ist kein Produkt, das man bestellt und zurückschickt, wenn es nicht passt. Sie zieht in den Haushalt ein. Sie ist morgens da, wenn Paul aufwacht, abends wenn Maria schlafen geht, nachts wenn jemand Hilfe braucht. Sie teilt den Alltag einer Familie in einer ihrer verletzlichsten Phasen.
Gleichzeitig gibt es keine einheitlichen Ausbildungsstandards für diesen Beruf. Die Frauen – es sind fast immer Frauen – kommen aus den unterschiedlichsten Berufen. Schneiderin, Lehrerin, gelernte Krankenschwester, Quereinsteigerin. Alle bewerben sich mit denselben Formulierungen in denselben Lebensläufen. Agenturen haben ein Interesse daran, Vermittlungen abzuschließen – nicht daran, Erwartungen zu dämpfen.
Das bedeutet: Die Qualitätskontrolle liegt bei der Familie. Und sie beginnt lange vor dem ersten Arbeitstag.
Was ein Lebenslauf wirklich sagt – und was nicht
Jede seriöse Agentur schickt Lebensläufe der verfügbaren Pflegekräfte. Diese Dokumente sind nützlich – aber mit Vorsicht zu lesen.
Was verlässlich ist: Nachweisbare Berufsabschlüsse. Eine examinierte Krankenschwester oder Pflegefachkraft hat ein Zeugnis, das geprüft werden kann. Das ist die einzige Angabe im Lebenslauf, die sich objektiv verifizieren lässt.
Was mit Vorsicht zu lesen ist: Alles andere. Sprachkenntnisse werden fast immer als „gut" angegeben – unabhängig von der Realität. Erfahrungen mit Demenz, Parkinson oder anderen Erkrankungen klingen im Lebenslauf immer überzeugend. Ob sie stimmen, zeigt sich erst im Gespräch oder im Einsatz.
Was oft fehlt: Ehrliche Angaben zu Vorerfahrungen mit langen Auslandseinsätzen. Eine junge Pflegekraft mit kleinem Kind zuhause, die zum ersten Mal für mehrere Wochen ins Ausland geht – das ist ein Risikofaktor, der im Lebenslauf nicht auftaucht, aber relevant ist. Heimweh ist kein Charakterfehler. Aber es kann dazu führen, dass jemand nach einer Woche wieder abreist – und die Familie ohne Betreuung dasteht.
Das Telefonat – der wichtigste Schritt
Keine seriöse Agentur sollte einen Vertrag ohne ein vorheriges Gespräch zwischen Pflegekraft und Familie verlangen. Wer das dennoch tut, ist kein seriöser Partner.
Das Telefonat zeigt in zehn Minuten, was kein Lebenslauf zeigen kann: wie jemand spricht, wie jemand zuhört, wie jemand auf unerwartete Fragen reagiert.
Was im Telefonat geklärt werden sollte
Sprachkenntnisse – nicht durch eine direkte Frage danach, sondern durch das Gespräch selbst. Wenn einfache Sätze mehrfach wiederholt werden müssen, ist das ein klares Signal.
Erfahrung mit der konkreten Pflegesituation – nicht: „Haben Sie Erfahrung mit Parkinson?" Die richtige Frage lautet: „Was sind die größten Herausforderungen bei der Betreuung eines Menschen mit Parkinson?" Wer das wirklich weiß, antwortet anders.
Kochbereitschaft – konkret nachfragen: „Was würden Sie an einem normalen Montag zum Mittagessen kochen?" Die Antwort ist aufschlussreich.
Persönliche Situation – behutsam, aber direkt. Hat die Pflegekraft Kinder? Wer kümmert sich darum während des Einsatzes? Relevante Informationen für einen Einsatz, der mehrere Wochen dauert.
Was nach dem Telefonat kommt
Das Telefonat ist der Filter – aber nicht das Ende der Prüfung. Wer sich für eine Pflegekraft entschieden hat, sollte in den ersten Wochen regelmäßig und unangekündigt vorbeischauen.
Arthur hatte das gelernt – zu spät, aber er hatte es gelernt. Agnes hatte im Telefonat einen guten Eindruck gemacht. Erst vor Ort zeigte sich, wie sie wirklich mit der Situation umging. Die Nachmittage im Garten, die Fahrradtouren, die Wäsche, die sie allein wusch – das hätte früher auffallen können, wenn jemand früher hingeschaut hätte.
Unangekündigte Besuche sind kein Misstrauen. Sie sind Fürsorge – für die Eltern und für die Pflegekraft selbst, die in einer schwierigen Situation ebenfalls Unterstützung braucht.
Die menschliche Passung
Es gibt Pflegekräfte, die fachlich kompetent sind und trotzdem nicht passen. Und es gibt Pflegekräfte, deren Ausbildung bescheiden ist, die aber mit einer Wärme und einem Humor in den Alltag treten, die alles verändert.
Britta, die Pflegekraft von Sonjas Pflegedienst, zeigte, was menschliche Passung bedeutet. Sie flirtete ein bisschen mit Paul, nannte ihn beim Vornamen, machte Witze über seinen Bart. Paul, der die neue Situation als Demütigung hätte erleben können, erlebte sie als normalen Morgen. Das ist nicht erlernbar. Das ist Charakter.
Bei der Suche nach einer 24-Stunden-Kraft lohnt es sich, danach zu fragen – nicht in Formulierungen, sondern in Momenten. Wie reagiert die Kraft, wenn Paul langsam antwortet? Lässt sie ihm Zeit, oder füllt sie die Pause? Wie spricht sie über frühere Pflegebedürftige – mit Respekt oder mit Erschöpfung?
Wann eine Kraft nicht die richtige ist
Es gibt Signale, die ernst genommen werden müssen – auch wenn der Wechsel unbequem ist.
Die Pflegekraft baut eine Allianz mit einem Familienmitglied auf und beginnt, andere auszugrenzen. Agnes hatte das mit Benjamin getan – subtil, aber konsequent. Maria verlor zunehmend die Kontrolle über ihren eigenen Haushalt.
Die Pflegekraft überschreitet Grenzen bei Finanzen oder Privatsphäre. Wer ohne Absprache Haushaltsgeld ausgibt, Lebensmittel entsorgt oder Räume umgestaltet, zeigt ein Verständnis von ihrer Rolle, das nicht tragbar ist.
Die Pflegekraft reagiert auf Kritik mit Drohungen oder Rückzug. Eine professionelle Kraft nimmt Feedback an. Wer bei der ersten kritischen Frage mit Kündigung droht, nutzt die Abhängigkeit der Familie aus.
Eine Kraft reicht nicht
Das wird oft übersehen: Selbst die beste Pflegekraft kann nicht dauerhaft allein arbeiten. Zwei Monate am Stück sind das Maximum – dann braucht es eine Ablösung. Das bedeutet, von Anfang an zwei Kräfte zu finden, die sich abwechseln können. Im Idealfall kennen sie sich, haben ähnliche Arbeitsweisen und können Paul und Maria so ein Minimum an Kontinuität geben.
Die Suche nach der richtigen Pflegekraft ist damit eigentlich die Suche nach zwei richtigen Pflegekräften. Das verdoppelt den Aufwand – aber es verdoppelt auch die Sicherheit.
Das Buch zum Thema
Ein letztes Zuhause
Die Inhalte dieses Artikels basieren auf dem Buch "Ein letztes Zuhause" von Jonas Winterfeld — ein Wegweiser durch das deutsche Pflegesystem, erzählt an der Geschichte von Paul und Maria Hoffmann und ihren Söhnen Arthur und Benjamin.
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