24h-Pflege zuhause

Ambulante Pflege: So funktioniert sie

7 Min. Lesezeit · Jonas Winterfeld

Maria Hoffmann hatte Angst vor einer fremden Person im Haus. Das war der eigentliche Grund, warum sie so lange gezögert hatte. Nicht die Kosten, nicht die Organisation, sondern die Vorstellung, dass jemand Unbekanntes jeden Morgen durch ihre Haustür käme, in ihr Badezimmer, in ihr Leben.

Ambulanter oder mobiler Pflegedienst klingelt im Morgengrauen bei der Pflegeperson Ambulanter Pflegedienst im Einsatz: Ihr Einsatz ermöglicht Pflegebedürftigen oft, in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben und ein selbstbestimmtes Leben zu Hause zu führen, anstatt in ein Pflegeheim umziehen zu müssen

Was Maria nicht verstanden hatte: genau das ist der Unterschied zwischen einer 24-Stunden-Kraft und einem ambulanten Pflegedienst. Die Kraft zieht ein. Der Pflegedienst kommt — und geht wieder. Meistens zweimal täglich, etwa 30 Minuten morgens und 20 Minuten am Abend. Dazwischen gehört das Haus wieder ihr.

Als Britta das erste Mal klingelte, war Maria skeptisch. Als Britta eine halbe Stunde später wieder ging und Paul frisch gewaschen, angezogen und gut gelaunt am Frühstückstisch saß, war Maria noch nicht ganz überzeugt, aber sie war neugierig.

Was ambulante Pflege bedeutet

Ambulante Pflege bedeutet: professionelle Pflegekräfte kommen in die Wohnung / das Haus und gehen nach vollbrachter Dienstleistung. Der Pflegebedürftige bleibt in seiner vertrauten Umgebung, behält seinen Alltag, seine Privatsphäre, seine Selbstbestimmung.

Es ist das Gegenmodell zum Pflegeheim und für viele Menschen die bevorzugte Lösung – solange sie möglich ist.

In Deutschland gibt es zwei klar getrennte Arten von Leistungen, die ein ambulanter Pflegedienst erbringen kann: Pflegeleistungen und medizinische Leistungen. Der Unterschied ist wichtig, weil er bestimmt, wer zahlt.

Pflegeleistungen: was die Pflegekasse übernimmt

Pflegeleistungen sind alle Tätigkeiten, die zur Grundpflege gehören, also zur täglichen Unterstützung im Alltag. Dazu zählen Hilfe bei der Körperpflege (waschen, duschen, Zahnpflege), Unterstützung beim An- und Ausziehen, Hilfe bei der Ernährung sowie Mobilitätshilfen wie das Aufstehen aus dem Bett oder die Begleitung bei Spaziergängen.

Diese Leistungen übernimmt die Pflegekasse bis zu einer monatlichen Höchstgrenze, die vom Pflegegrad abhängt. Der Pflegedienst rechnet direkt mit der Pflegekasse ab. Die Familie muss sich darum nicht kümmern.

Die monatlichen Höchstbeträge für Pflegesachleistungen:

Pflegegrad 1: 0 Euro

Pflegegrad 2: 796 Euro

Pflegegrad 3: 1.497 Euro

Pflegegrad 4: 1.859 Euro

Pflegegrad 5: 2.299 Euro

Werden diese Beträge überschritten, muss die Differenz privat getragen werden. Bleiben sie unterschritten, gibt es eine anteilige Auszahlung des nicht verbrauchten Pflegegeldes.

Medizinische Leistungen oder Behandlungspflege: Das übernimmt die Krankenkasse

Medizinische Leistungen — in der Fachsprache Behandlungspflege genannt — dürfen nur von geschultem Pflegepersonal ausgeführt werden. Dazu gehören die Medikamentengabe (Tabletten, Injektionen, Augentropfen), Wundversorgung und Verbandswechsel, die Kontrolle von Blutzucker- und Blutdruckwerten sowie Katheterpflege.

Diese Leistungen werden von der Krankenkasse übernommen, nicht von der Pflegekasse. Allerdings nur, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt. Für den Pflegebedürftigen entstehen dabei in der Regel keine zusätzlichen Kosten.

Wie strikt die Trennung ist, welche Pflegekraft welche Leistungen erbringen darf, hatte Maria überrascht. Als Britta eines Abends die Augentropfen nicht geben wollte, weil sie als Pflegehilfskraft dafür nicht qualifiziert war, verstand Maria erst, wie genau diese Trennung in der Praxis funktioniert. Nicht jede Pflegekraft darf alles. Das ist kein bürokratischer Unsinn, sondern praktizierter Patientenschutz.

Pflegegeld: für alle, die keinen ambulanten Pflegedienst in Anspruch nehmen

Wer keinen Pflegedienst in Anspruch nimmt und die Pflege durch Angehörige oder selbst organisiert, bekommt stattdessen Pflegegeld, das ohne Nachweis direkt ausgezahlt wird. Wer im Pflegeheim lebt, bekommt ab dem Tag des Einzugs kein Pflegegeld mehr.

Die monatlichen Höchstbeträge für Pflegegeld:

Pflegegrad 1: 0 Euro

Pflegegrad 2: 347 Euro

Pflegegrad 3: 599 Euro

Pflegegrad 4: 800 Euro

Pflegegrad 5: 990 Euro

Das Pflegegeld fällt eher bescheiden aus, aber dafür es ist frei verfügbar: Pflegende Angehörige können damit entschädigt werden. Es kann zur Mitfinanzierung einer 24-Stunden-Kraft eingesetzt werden oder für kleinere Hilfeleistungen, die sonst aus eigener Tasche bezahlt werden müssten.

Pflegegeld und ambulanten Pflegedienst kombinieren

Was viele nicht wissen: Pflegegeld und Pflegesachleistungen lassen sich kombinieren. Wer einen ambulanten Pflegedienst für einen Teil der Leistungen nutzt, die Pflegeperson aber einen anderen Teil übernimmt, bekommt anteiliges Pflegegeld für den nicht genutzten Sachleistungsbetrag.

Beispiel: Paul Hoffmann hat Pflegegrad 4. Sonjas Pflegedienst rechnet monatlich 1.000 Euro ab. Die Pflegesachleistung bei Pflegegrad 4 beträgt 1.859 Euro. Die Differenz von 859 Euro wird halbiert und 429,50 Euro werden als anteiliges Pflegegeld direkt an die Familie ausgezahlt. Warum nur die Hälfte und nicht der ganze nicht verbrauchte Betrag ausgezahlt wird, bleibt das Geheimnis der deutschen Gesundheitspolitik.

Dieses Modell lohnt sich für alle, die Pflege durch Angehörige und professionelle Unterstützung kombinieren. Es erfordert keine besondere Beantragung. Es wird automatisch ausgezahlt, wenn der ambulante Pflegedienst nicht den vollen Sachleistungsbetrag ausschöpft.

Was einen guten ambulanten Pflegedienst ausmacht

Nicht jeder Pflegedienst ist gleich. Die Qualität der Betreuung, die Verlässlichkeit der Mitarbeiter und die Transparenz der Abrechnung unterscheiden sich erheblich.

Kontinuität. Ständig wechselnde Pflegekräfte sind für Pflegebedürftige belastend. Das gilt besonders für Menschen mit Demenz, die Vertrauen brauchen. Ein guter ambulanter Pflegedienst versucht deshalb, dieselben Kräfte regelmäßig einzusetzen. Britta kam fast jeden Morgen. Paul schätzte ihre fröhliche Art und freute sich auf sie.

Transparente Abrechnung. Leistungsnachweise müssen vor der Unterschrift geprüft werden. Was dort steht, sollte dem entsprechen, was tatsächlich erbracht wurde. Arthur hatte das zu spät verstanden und Unregelmäßigkeiten in Sonjas Abrechnungen erst entdeckt, als er die Nachweise zum ersten Mal wirklich las. Niemand ist verpflichtet, etwas zu unterschreiben, das nicht stimmt.

Ein schriftlicher Vertrag. Auch wenn manche Pflegedienste darauf verzichten: Ohne Vertrag gibt es keine klare Grundlage für Leistungen, Kosten und Kündigungsfristen. Sonja hatte vorgeschlagen, keinen Vertrag zu machen. Arthur hatte es zunächst als unkompliziert empfunden. War es aber nicht, wie sich später herausstellen sollte.

Erreichbarkeit. Was passiert, wenn die reguläre Kraft krank ist? Wie schnell wird Ersatz organisiert? Ein verlässlicher Pflegedienst hat eine Antwort auf diese Frage bevor sie gestellt wird.

Was ambulante Pflege nicht kann

Ambulante Pflege hat Grenzen. Zwischen den Besuchen ist der Pflegebedürftige auf sich allein gestellt oder auf Angehörige angewiesen. Wer nachts Hilfe braucht, wer nicht alleine essen kann, wer dauerhaft beaufsichtigt werden muss, für den reicht ambulante Pflege allein nicht aus.

Das ist keine Schwäche des Systems, es ist eine Tatsache, mit der man nüchtern umgehen muss. Ambulante Pflege ist manchmal die richtige Lösung. Aber in anderen Fällen reicht sie allein nicht aus und braucht eine Ergänzung – durch eine 24-Stunden-Kraft, durch Kurzzeitpflege, durch eine Pflegewohngemeinschaft. Und manchmal führt kein Weg am Pflegeheim vorbei.

Maria hatte das Glück, dass die ambulante Pflege für sie und Paul funktionierte, weil ihre Bedürfnisse am Anfang noch überschaubar waren und Sonjas Team zuverlässig arbeitete. Dass Sonjas Abrechnungen nicht korrekt waren, stellte sich erst später heraus.

Einen ambulanten Pflegedienst in der Nähe kann man über die AOK-Pflegedienstsuche oder den BKK PflegeFinder suchen. Beide unabhängig und kostenlos.

Das Buch zum Thema

Buchcover: Ein letztes Zuhause von Jonas Winterfeld

Ein letztes Zuhause

Die Inhalte dieses Artikels basieren auf dem Buch "Ein letztes Zuhause" von Jonas Winterfeld — ein Wegweiser durch das deutsche Pflegesystem, erzählt an der Geschichte von Paul und Maria Hoffmann und ihren Söhnen Arthur und Benjamin.

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